- Sie erklärt das Verhalten und die besondere Wahrnehmungen und fördert Verständnis und Akzeptanz. Für Fachpersonen ist die Diagnose eine Grundlage für individuelle Förderung.
- Sie ermöglicht gezielte Unterstützung (z. B. Therapien, spezifische Unterstützungsmassnahmen in der Schule/Ausbildung, Hilfsmittel, Unterstützungsmassnahmen der IV)
- Sie stärkt das Selbstverständnis, die Selbstakzeptanz und die Identität und schafft Klarheit– besonders bei einer späten Diagnose.
Es gibt online mehrere «Autismus-Tests», doch diese können eine offizielle Diagnose von einer anerkannten Fachstelle auf keinen Fall ersetzen.
Dieser Abschnitt gibt einen kompakten Überblick darüber, wie eine Autismus-Diagnose typischerweise erfolgt und welche Schritte dabei eine Rolle spielen. Die Informationen dienen der allgemeinen Orientierung und ersetzen keine persönliche Abklärung. Bei individuellen Fragen ist eine fachliche Beratung oder Diagnostik sinnvoll.
- Auffälligkeiten in Kommunikation, Sozialverhalten oder Interessen
- Häufige Merkmale laut DSM-5:
- Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion
- Repetitive Verhaltensmuster
- Sensorische Besonderheiten
Bei Verdacht auf Autismus sollte man nicht unnötig Zeit verstreichen lassen und möglichst früh mit gezielten Fördermassnahmen für die Betroffenen beginnen.
Keine Schnelltest– umfassende Beobachtung und Gespräche notwendig. Es gibt keine Schnelltests; die Autismus-Diagnostik ist aufwändig und komplex. Die Diagnose beruht auf genauen Angaben zur bisherigen Entwicklung und dem aktuellen Befinden und Verhalten der Person.
Einbezug von:
- Bei Kindern: Eltern, Lehrpersonen, Therapeut:innen. Bei Kindern werden für eine Autismus-Diagnose in erster Linie Eltern befragt, oft aber auch Fachpersonen, die das Kind aus Krippe, Schule oder aus Therapien kennen.
- Bei Erwachsenen: Wenn möglich Eltern, Partner:innen, Freund:innen. Auch bei erwachsenen Personen sollten die Eltern wenn möglich zur Entwicklung befragt werden. Die Betroffene Person muss selbst ausführlicher über ihr früheres und aktuelles Leben Auskunft geben. Falls vorhanden können enge Freunde oder Lebenspartner:innen einbezogen werden.
ACHTUNG: Nicht jede Praxis oder jedes Zentrum wird automatisch von der IV anerkannt. Wichtig: Fragen Sie vorab, ob die Diagnosestelle von der IV akzeptiert wird, wenn später Leistungen beantragt werden sollen (z.B. medizinische Massnahmen, berufliche Massnahmen, Frühintervention etc.)
Auch für schulische Unterstützungsmassnahmen braucht es gut dokumentierte und seriös durchgeführte Diagnosen. Informieren Sie sich, z.B. beim Schulpsychologischen Dienst in Ihrem Kanton von welchen Stellen eine Autismus-Spektrum-Störung Diagnose anerkannt wird.
Um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können, müssen sich die Fachpersonen Autismus-spezifisch weitergebildet haben und solche Untersuchungen regelmässig durchführen.
Um IV Leistungen zu erhalten, muss die Diagnose von einem Arzt bestätigt sein.
Die Diagnose einer Autismus-Spektrum-Störung erfolgt nicht durch einen einzelnen Test, sondern durch eine Kombination verschiedener Verfahren. Diese Methoden helfen, ein umfassendes Bild der betroffenen Person zu erhalten:
Klinische Anamnese und Interviews
- Gespräche mit der betroffenen Person (je nach Alter)
- Erhebung der Entwicklungsgeschichte (v. a. bei Kindern durch Eltern)
- Themen: Sprache, Sozialverhalten, Spielverhalten, Interessen, sensorische oder motorische Besonderheiten
Beobachtungen und Beurteilung des Verhaltens
- In Alltagssituationen oder Spielsituationen (bei Kindern)
- Analyse von nonverbalem Verhalten, Mimik, Gestik, Blickkontakt
- Beobachtung der sozialen Interaktionen
Fragebögen & standardisierte Instrumente
- Für Eltern, Lehrpersonen oder Betroffene selbst
Beispiele:
- ADOS-2 (Autism Diagnostic Observation Schedule)
- CARS-2 (Childhood Autism Rating Scale)
- ADI-R (Autism Diagnostic Interview – Revised)
- SRS (Screening Frageboge: Social Responsiveness Scale)
- AQ (Autismus-Spektrum-Quotient, v. a. bei Erwachsenen)
- WISC-V, WAIS-IV oder Vineland-3
Einbezug des Umfelds
- Einschätzungen von Eltern, Lehrpersonen, Therapeut:innen
- Bei Erwachsenen: Partner:innen, Freund:innen oder Kolleg:innen
- Ziel: Vergleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung
Differenzialdiagnostik
Die Diagnostik umfasst eine Differnzialdiagnostik, um die Autismus-Symptomatik von anderen Störungen abzugrenzen. Abgrenzung zu anderen Störungen wie z. B. ADHS, Angststörungen oder Sprachentwicklungsstörungen. Menschen mit Autismus habe ein deutlich erhöhtes Risiko für das gleichzeitige Auftreten anderer Störungen. Die Differenzialdiagnostik ist wichtig, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
- Symptome werden oft durch soziale Maskierungverdeckt
- Häufige Fehldiagnosen (z. Depression, ADHS)
- Frauen werden oft erst spät diagnostiziert – häufig nach der Diagnose eines Kindes
- Komorbiditätenwie Angststörungen, Essstörungen oder PTSD sind häufig.
Die Diagnosestellung sollte durch ein Team erfolgen, das über Expertise auf dem Gebiet der Entwicklungsstörungen verfügt, insbesondere (psychiatrische und/oder pädiatrische) und psychologische Expertise.
Eine Autismus-Spektrum-Störung Diagnose ist grundsätzlich ab dem Kleinkindalter möglich, wobei erste Anzeichen oft schon im Alter von 18 bis 24 Monaten bei den Eltern Besorgnis auslösen können. Je früher Anzeichen erkannt werden, desto besser kann unterstützt werden. Der genaue Zeitpunkt, an dem eine Diagnose verlässlich gestellt werden kann, hängt jedoch von der Ausprägung der autistischen Merkmale ab.
Bei Kindern, die früher dem frühkindlichen Autismus (Kanner-Autismus) zugeordnet wurden, sind die autistischen Merkmale in der Regel sehr ausgeprägt und beeinträchtigen die Entwicklung massgeblich. In diesen Fällen kann eine zuverlässige Diagnose in der Regel im Alter von 2 bis 2 ½ Jahren gestellt werden.
Sind die Merkmale weniger deutlich erkennbar (wie beim früheren Asperger-Syndrom), fallen sie dem Umfeld oder der Person oft erst später auf. Bei Kindern mit dem Asperger-Syndrom werden die Probleme meist erst im Kindergarten- oder Schulalter deutlich, wenn sie mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringen müssen. Manchmal wird die Diagnose sogar erst im Jugend- oder Erwachsenenalter gestellt.
Die Diagnose im Erwachsenenalter ist kompliziert. Die Symptome können weniger offensichtlich sein, da Menschen mit guten kognitiven Fähigkeiten Möglichkeiten entwickelt haben, ihre Schwierigkeiten zu verbergen oder zu «maskieren». Die Diagnose kann durch andere psychische Probleme, wie Depressionen, Ängste oder Zwänge, überlagert sein, was die Diagnosestellung erschwert.
Bei erwachsenen Frauen, die in der Kindheit nicht diagnostiziert wurden, kann es zu Fehldiagnosen (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörungen) kommen.
Zur Klärung der Diagnose bei Erwachsenen ist es oft schwierig, Informationen über die frühkindliche Entwicklung zu erhalten. Die klinische Beurteilung stützt sich dann auf Selbstauskünfte oder Informationen von Geschwistern, Freunden und Partnern.
- Jungen und Männer werden bis zu viermal häufiger diagnostiziert.
- Bei Mädchen und Frauen kann die autistische Symptomatik schnell übersehen werden, da Mädchen ihre Schwierigkeiten im sozialen Bereich oft besser kompensieren und weniger auffallen als Jungen.
- Infolgedessen erhalten Mädchen nicht selten erst im Jugend- oder Erwachsenenalter die korrekte Diagnose.
Aktuelle Einteilung der Autismus-Spektrum-Störungen
Viele Studien zeigen und Fachleute sind sich meist einig, wann eine Autismus-Diagnose gerechtfertigt ist. Die Kriterien basieren auf international anerkannten Diagnose-Systemen.
Das DSM-5 verwendet seit 2013 die einheitliche Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung (ASS)” und ordnet Autismus den Neuroentwicklungsstörungen zu. Frühere Unterformen wie: Asperger-Syndrom, Frühkindlicher Autismus und Atypischer Autismus wurden zusammengefasst
Die Diagnose ASS erfordert das Vorliegen von Symptomen in zwei Kernbereichen:
- Anhaltende Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation und der sozialen Interaktion in verschiedenen Kontexten. Dies beinhaltet Defizite in der sozial-emotionalen Reziprozität (z. B. das Scheitern normaler zweiseitiger Konversation), Beeinträchtigungen nonverbaler kommunikativer Verhaltensweisen (z. B. Anomalien des Augenkontakts oder mangelhafte Integration von verbaler und nonverbaler Kommunikation) sowie Beeinträchtigungen bei der Entwicklung, Aufrechterhaltung und dem Verständnis von Beziehungen.
- Einschränkende und sich wiederholende Verhaltens-, Interessen- und Aktivitätsmuster. Hierbei müssen mindestens zwei der folgenden Punkte aktuell oder in der Vorgeschichte vorhanden sein:
- Stereotype oder sich wiederholende Handlungen in Bewegung, Gebrauch von Gegenständen oder Sprache (z. B. Echolalie oder Verfremdung von Spielzeug).
- Beharren auf Invarianz und übermäßiges Festhalten an Routinen oder ritualisierte Gewohnheiten.
- Sehr eingeschränkte und fixe Interessen, die in Intensität oder Schwerpunkt abnormal sind.
Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umgebung (z. B. visuelle Faszination für Licht oder negative Reaktion auf bestimmte Geräusche).
Um die betroffene Personen genauer zu beschreiben, werden im DSM-5 Spezifikationen nach Merkmalen und Schweregrad verwendet.
Merkmale:
- Mit oder ohne Sprachstörung
- Mit oder ohne geistige Behinderung
- Mit oder ohne Begleiterkrankungen (z. B. Epilepsie)
Schweregrad wird über den Unterstützungsbedarf beschrieben:
- Stufe 1: geringer Unterstützungsbedarf
- Stufe 2: mittlerer (wesentlicher) Unterstützungsbedarf
- Stufe 3: hoher (sehr hoher) Unterstützungsbedarf
Die ICD-11, welche am 1. Januar 2022 in Kraft trat, klassifiziert Autismus ebenfalls in die Kategorie der neurologischen Entwicklungsstörungen. Das ICD 11 löst das bisherige ICD-10 ab. Auch hier wir nur noch die Hauptdiagnose „Autismus-Spektrum-Störung” diagnostiziert. Wie das DSM-5 teilt die ICD-11 die Symptome in zwei Hauptbereiche ein, die im Wesentlichen denselben Kriterien entsprechen:
- Anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktion und Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten.
- Eine Reihe eingeschränkter, sich wiederholender und starrer Verhaltensmuster und Interessen.
| ICD-11-Code |
Intellektuelle Entwicklungsstörung |
Funktionelle Sprachstörungen |
| 6A02.0 |
Keine Störung |
Keine oder sehr geringe Störung |
| 6A02.1 |
Mit Störung |
Keine oder sehr geringe Störung |
| 6A02.2 |
Keine Störung |
Mit Störung |
| 6A02.3 |
Mit Störung |
Mit Störung |
| 6A02.4 |
Keine Störung |
Fehlen einer funktionalen Sprache |
| 6A02.5 |
Mit Störung |
Fehlen einer funktionalen Sprache |
Zusätzlich existieren im ICD-11-System zwei weitere, nicht näher beschriebene Kategorien:
- 6A02.Y: für „andere“ spezifizierte Autismus-Spektrum-Störungen
- 6A02.Z: für eine „unspezifische“ Autismus-Spektrum-Störung
Um die Diagnose zu rechtfertigen, müssen die Defizite so erheblich sein, dass sie sich negativ auf persönliche, familiäre, soziale, schulische, berufliche oder andere wichtige Funktionsbereiche auswirken. Diese Schwierigkeiten sind im Allgemeinen in allen Bereichen zu beobachten und sind allgegenwärtig, auch wenn die Schwere der Symptome je nach sozialem, schulischem oder sonstigem Kontext variieren kann.
Wichtige Unterschiede zum DSM-5:
- Sensorische Symptome: Im Gegensatz zum DSM-5 umfasst die ICD-11 nicht explizit die Über- oder Hyposensibilität auf sensorische Reize in den Kernkriterien.
- Unterteilung nach Schweregrad: Anstelle der deskriptiven Schweregrade (Stufen 1–3) erfolgt die Unterteilung in der ICD-11 basierend auf dem gleichzeitigen Vorliegen einer intellektuellen Entwicklungsstörung und einer funktionellen Sprachstörung Beispiele für diese Unterteilung sind Kategorien wie 6A02.0 (Keine Störung der intellektuellen Entwicklung und keine oder sehr geringe funktionelle Sprachstörung) bis 6A02.5 (Mit Störung der intellektuellen Entwicklung und Fehlen einer funktionalen Sprache)
Die Mitteilung und die Phase nach der Diagnosestellung einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) sind für alle Beteiligten von grosser Bedeutung, da sie nicht nur Klarheit schaffen, sondern auch die Grundlage für die weitere Unterstützung bilden.
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Nach der Diagnose
Eine Autismus-Diagnose kann für gewisse Menschen entlastend sein, sie kann aber auch schwer zu bewältigen sein. Betroffene müssen mit etwas umgehen, über das sie nur wenig wissen. Zudem kommt die Frage auf, wo die Betroffenen sich angemessene Unterstützung einholen können. Für manche ist eine Autismus-Diagnose aber auch eine Erleichterung, da sie schon lange ihre autistischen Züge bemerkt haben. Obwohl Menschen mit Autismus auch als Erwachsene auf Unterstützung in ihrem Alltag angewiesen sind, können sie stolz auf ihre einzigartigen Stärken und Qualitäten sein. (Die andere Seite des Autismus)
Im Folgenden werden einige Schwierigkeiten von Menschen mit Autismus genauer beschrieben. Ausserdem finden Sie Unterstützungsmöglichkeiten in diesen Bereichen:
Mögliche Schwierigkeiten der Betroffenen
Autismus ist eine Beeinträchtigung, welche, anders als eine körperliche Behinderung, auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Für die Betroffenen ist es wichtig, dass ihr Umfeld über die Diagnose Autismus und die Besonderheiten der Betroffenen Bescheid weiss. Nur so bekommen die Betroffenen die nötige Unterstützung. Für die Sensibilisierung des Umfeldes und auch um das eigene Verständnis zu fördern, können Ich-Flyer sehr hilfreich sein.
Lesen Sie https://www.autismus.ch/informationsplattform/autismus.html mehr über Autismus-Spektrum-Störungen
Unterstützung: Allgemeine Informationen und Ratschläge
Finden Sie Informationen dazu, wo Sie Unterstützung holen oder in Kontakt mit anderen von Autismus betroffenen Menschen treten können.
Unterstützungsmöglichkeiten und wichtigen Adressen und Anlaufstellen
Sobald eine Autismus-Diagnose gestellt wurde, sollte die kantonale IV-Stelle informiert werden. Unterstützungsleistungen müssen beantragt werden. Am besten frühzeitig Kontakt aufnehmen – die Bearbeitung kann längere Zeit dauern. Bitte Sie um eine Kopie des Diagnoseberichts und leiten Sie diesen an die regionale IV Stelle.