Warum spielt das Geschlecht eine Rolle?
Lange Zeit wurden deutlich mehr Jungen und Männer mit Autismus diagnostiziert als Mädchen und Frauen. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass der tatsächliche Unterschied geringer sein könnte.
Frühe Autismusforschung bezog überproportional viele Jungen und Männer ein. Auch diagnostische Instrumente wurden häufig mit überwiegend männlichen Stichproben entwickelt und validiert. Dadurch könnten bestimmte Ausprägungen von Autismus weniger gut erfasst worden sein. Zusätzlich zeigen sich autistische Merkmale individuell unterschiedlich und können durch soziales Maskieren und gesellschaftliche Erwartungen weniger auffallen.
- Die diagnostischen Kriterien für Autismus gelten unabhängig vom Geschlecht.
- Die Ausprägung und das Zusammenspiel der Merkmale sind jedoch bei jeder Person unterschiedlich.
- Forschungsergebnisse zeigen, dass sich bestimmte Merkmale bei Mädchen, Frauen, Jungen und Männern unterschiedlich zeigen können.
- Dabei spielen neben biologischen Faktoren auch Alter, individuelle Entwicklung, geistige Fähigkeiten, sprachliche Fähigkeiten, soziale Erwartungen und Maskieren eine Rolle.
- Empfindungen rund um den Körper oder das Erleben von Krankheiten sind beeinflusst durch individuelle Schmerzempfindlichkeit oder verminderte Wahrnehmung der Körpersignale.
- Während der Pubertät, Schwangerschaft oder den Wechseljahren sind alle Personen starken hormonellen Veränderungen ausgesetzt: Es gibt Grund zur Annahme, dass Hormone Autismus-Symptome beeinflussen.
- Bei Frauen kann beispielsweise die Menstruation durch verstärkte sensorische Herausforderungen, wie z. B. unangenehme Wahrnehmung beim Tragen von Binden oder Tampons, als sehr störend eingestuft werden.
- Autistinnen berichten im Durschnitt häufiger von Begleiterkrankungen wie Ehlers-Danlos-Syndrom, PCOS und/oder Endometriose.
- Studien deuten darauf hin, dass autistische Menschen häufiger von Geschlechtsdysphorie betroffen sein könnten als die Allgemeinbevölkerung.
- Geschlechtsidentität beschreibt, wie sich eine Person selbst hinsichtlich ihres Geschlechts empfindet. Sie kann mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen oder davon abweichen.
- Menschen können sich als weiblich, männlich, nicht-binär oder wechselnd zwischen verschiedenen Geschlechtsidentitäten erleben.
- Studien zeigen, dass sich unter autistischen Menschen überdurchschnittlich viele Personen finden, die sich als trans, nicht-binär oder genderdivers identifizieren.
- Geschlechtsidentität und Autismus sind zwei unterschiedliche Aspekte einer Person.
- Geschlechtsdysphorie bezeichnet das Unwohlsein oder den Leidensdruck, wenn die eigene Geschlechtsidentität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
- Es besteht weiterer Forschungsbedarf, um allfällige Zusammenhänge besser zu verstehen und geeignete Diagnose-, Beratungs- und Unterstützungsangebote für autistische Menschen mit Geschlechtsdysphorie zu entwickeln.
Masking oder Camouflaging beschreibt das bewusste oder unbewusste Verbergen autistischer Merkmale, um sich an umweltbezogene Gegebenheiten anzupassen oder nicht aufzufallen. Das Thema wird häufig mit Frauen in Verbindung gebracht. Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass Mädchen und Frauen im Durchschnitt zwar häufiger oder früher maskieren, jedoch unabhängig vom Geschlecht Personen im Spektrum maskieren können. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und hängen von Persönlichkeit, Erfahrungen und dem sozialen Umfeld ab.
- Oft ist es für aussenstehende Personen nicht sichtbar, ob eine Person im Autismus-Spektrum ist. Denn manche Menschen im Autismus-Spektrum passen ihr Verhalten bewusst oder unbewusst an soziale Erwartungen an. Dadurch bleibt Autismus bei ihnen häufig lange unerkannt und wird teilweise erst im Jugend- oder Erwachsenenalter diagnostiziert.
- Auch können zusätzliche psychische Begleiterkrankungen autistische Ausprägungen überdecken oder beeinflussen. Personen berichten von falschen Diagnosen oder der Behandlung von komorbiden Begleiterscheinungen ohne, dass der Autismus erkannt oder berücksichtigt wird.
- Häufig beobachten Personen im AS andere Personen aufmerksam und versuchen ihr Verhalten nachzuahmen oder zu kopieren. Ziel ist es oft, in einer Gruppe nicht aufzufallen. Häufiges Verhalten ist das Auswendiglernen von Verhaltensweisen, sozialen Regeln und Sprache, die im sozialen Kontakt schwerfallen.
- Viele zeigen ein deutliches Interesse an Freundschaften und bemühen sich aktiv um soziale Zugehörigkeit, auch wenn dies viel Energie kostet.
- Anhaltendes Maskieren oder Hyperkompensation in sozialen Situationen kosten viel Energie und führen oft zur Erschöpfung.
- Wird in hohem Masse maskiert, steigt das Risiko für emotionales Ausbrennen, Depressionen, Angst, Zwänge & Burnout.
- Personen mit Autismus vertiefen sich gerne in ausgewählten Themen. Anders als Menschen ohne Autismus, welche schnell das Interesse an einem Themengebiet verlieren können, verfolgen sie ihr Spezialinteresse mit einer hohen Intensität und Qualität.
- Wenn das Spezialinteresse Themengebiete betrifft, welche in der Gesellschaft häufig als «typisch weiblich» oder «typische männlich» angesehen wird oder sich nicht von Peermitglieder unterscheiden, sind sie oft sozial akzeptierter und werden daher seltener als autistische Merkmale erkannt.
- Spezialinteresse können vielfältig sein. Es kann von drehenden Gegenständen bis über Tiere hin zu hochkomplexen wissenschaftlichen Gebieten, alles sein.

