Autismus ist eine neurologische Entwicklungsbesonderheit, die mit einer individuellen Art der Wahrnehmung, Kommunikation und Informationsverarbeitung einhergeht. Die Auswirkungen auf den Alltag sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Im Laufe des Lebens können sich Bedürfnisse, Herausforderungen und Bewältigungsstrategien verändern.
Manche Schwierigkeiten stehen in direktem Zusammenhang mit Autismus, andere können auf zusätzliche körperliche oder psychische Erkrankungen hinweisen. Entscheidend ist, die individuelle Situation genau zu betrachten und Veränderungen ernst zu nehmen.
Mögliche Herausforderungen im Alltag sind beispielsweise:
- Koordination und Motorik: Schwierigkeiten bei der Bewegungsplanung oder Koordination können das Erlernen bestimmter Tätigkeiten erschweren.
- Repetitive Bewegungen und Handlungen: Wiederholende Bewegungen und vertraute Abläufe können der Regulation und dem Stressabbau dienen. Sie sollten nicht grundsätzlich als problematisch betrachtet werden. Einschränkungen können entstehen, wenn dadurch bestimmte Aktivitäten erschwert werden.
- Wahrnehmung körperlicher Signale: Hunger, Durst, Müdigkeit oder Schmerzen werden möglicherweise anders oder weniger eindeutig wahrgenommen. Dadurch kann es schwieriger sein, eigene Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen und mitzuteilen.
Wann lohnt es sich, genauer hinzuschauen?
Veränderungen im Verhalten oder im körperlichen Wohlbefinden können auf Überlastung, veränderte Umweltbedingungen oder zusätzliche Erkrankungen hinweisen. Sie sollten deshalb nicht vorschnell als Teil des Autismus eingeordnet werden.
Eine sorgfältige Differentialdiagnostik hilft dabei, autistische Merkmale von anderen möglichen Ursachen zu unterscheiden und zusätzliche Erkrankungen zu erkennen. Gleichzeitig soll sie verhindern, dass Schwierigkeiten vorschnell einer anderen Diagnose zugeschrieben werden, obwohl sie möglicherweise mit Autismus, Stress oder einer unpassenden Umgebung zusammenhängen.
Die Abklärung kann anspruchsvoll sein, weil sich Symptome verschiedener Störungsbilder überschneiden können.
Beispiele:
- Unruhe und Konzentrationsprobleme: können im Zusammenhang mit Autismus, ADHS, Schlafmangel, Angst oder anderen Belastungen auftreten.
- Rückzug und Stimmungsschwankungen: können durch Reizüberlastung, Erschöpfung, depressive Symptome oder andere Faktoren bedingt sein.
- Rituale und wiederholende Handlungen: können zum autistischen Erleben gehören. Bei einer Zwangsstörung können zusätzlich belastende, aufdringliche Gedanken und ein ausgeprägter innerer Druck auftreten.
- Verhaltensveränderungen: können unter anderem mit Schmerzen, körperlichen Erkrankungen, Kommunikationsschwierigkeiten oder psychischer Belastung zusammenhängen.
Eine umfassende Abklärung berücksichtigt die Entwicklungsgeschichte, die aktuelle Lebenssituation, vorhandene Ressourcen und Belastungen sowie mögliche körperliche und psychische Erkrankungen. Sie bildet eine wichtige Grundlage für einen individuell passenden Therapie- und Unterstützungsplan.
Weiterführende Informationen
- ESCAP-Praxisleitfaden zu Autismus (deutsche Fassung)
- NICE-Leitlinie: Autismus bei Erwachsenen – Diagnostik und Management
- Im Buch Autismus: Das Selbsthilfebuch von S. Lipinski (2022) finden Sie einen Artikel zu «Autismus und psychische Gesundheit»
- S3-Leitlinien für Autismus-Spektrum-Störung
Begleitdiagnosen
Autismus tritt häufig nicht allein auf. Einige Menschen im Autismus-Spektrum haben zusätzliche Diagnosen oder Herausforderungen. Sogenannte Komorbiditäten können den Alltag und die Lebensqualität beeinflussen. Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse zur Häufigkeit und Art der zusätzlichen Diagnosen.
Begleiterscheinungen und komorbide Störungsbilder sollten ganzheitlich und gezielt betrachtet werden. Nicht jede Person benötigt Therapie. Beeinträchtigen auftretende Symptome jedoch die Lebensqualität einer Person, kann es nötig sein, sich Hilfe zu suchen.
Hilfestellungen durch aussenstehende Personen setzen ein Verständnis für die individuellen Bedürfnisse und die persönliche Situation des jeweiligen Menschen voraus. Sind mehrere Personen und Fachleute involviert ist die Einteilung von Aufgabenbereichen, Absprachen und teilweise enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Unterstützerkreisen nötig.


