Das DSM-5 verwendet seit 2013 die einheitliche Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung (ASS)” und ordnet Autismus den Neuroentwicklungsstörungen zu. Frühere Unterformen wie: Asperger-Syndrom, Frühkindlicher Autismus und Atypischer Autismus wurden zusammengefasst

Die Diagnose ASS erfordert das Vorliegen von Symptomen in zwei Kernbereichen:

  • Anhaltende Beeinträchtigungen der sozialen Kommunikation und der sozialen Interaktion in verschiedenen Kontexten. Dies beinhaltet Defizite in der sozial-emotionalen Reziprozität (z. B. das Scheitern normaler zweiseitiger Konversation), Beeinträchtigungen nonverbaler kommunikativer Verhaltensweisen (z. B. Anomalien des Augenkontakts oder mangelhafte Integration von verbaler und nonverbaler Kommunikation) sowie Beeinträchtigungen bei der Entwicklung, Aufrechterhaltung und dem Verständnis von Beziehungen.
  • Einschränkende und sich wiederholende Verhaltens-, Interessen- und Aktivitätsmuster. Hierbei müssen mindestens zwei der folgenden Punkte aktuell oder in der Vorgeschichte vorhanden sein:
    • Stereotype oder sich wiederholende Handlungen in Bewegung, Gebrauch von Gegenständen oder Sprache (z. B. Echolalie oder Verfremdung von Spielzeug).
    • Beharren auf Invarianz und übermäßiges Festhalten an Routinen oder ritualisierte Gewohnheiten.
    • Sehr eingeschränkte und fixe Interessen, die in Intensität oder Schwerpunkt abnormal sind.

Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber sensorischen Reizen oder ungewöhnliches Interesse an sensorischen Aspekten der Umgebung (z. B. visuelle Faszination für Licht oder negative Reaktion auf bestimmte Geräusche).

Um die betroffene Personen genauer zu beschreiben, werden im DSM-5 Spezifikationen nach Merkmalen und Schweregrad verwendet.

Merkmale:

  • Mit oder ohne Sprachstörung
  • Mit oder ohne geistige Behinderung
  • Mit oder ohne Begleiterkrankungen (z. B. Epilepsie)

Schweregrad wird über den Unterstützungsbedarf beschrieben:

  • Stufe 1: geringer Unterstützungsbedarf
  • Stufe 2: mittlerer (wesentlicher) Unterstützungsbedarf
  • Stufe 3: hoher (sehr hoher) Unterstützungsbedarf

Die ICD-11, welche am 1. Januar 2022 in Kraft trat, klassifiziert Autismus ebenfalls in die Kategorie der neurologischen Entwicklungsstörungen. Das ICD 11 löst das bisherige ICD-10 ab. Auch hier wir nur noch die Hauptdiagnose „Autismus-Spektrum-Störung” diagnostiziert. Wie das DSM-5 teilt die ICD-11 die Symptome in zwei Hauptbereiche ein, die im Wesentlichen denselben Kriterien entsprechen:

  • Anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktion und Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten.
  • Eine Reihe eingeschränkter, sich wiederholender und starrer Verhaltensmuster und Interessen.
ICD-11-Code Intellektuelle Entwicklungsstörung Funktionelle Sprachstörungen
6A02.0 Keine Störung Keine oder sehr geringe Störung
6A02.1 Mit Störung Keine oder sehr geringe Störung
6A02.2 Keine Störung Mit Störung
6A02.3 Mit Störung Mit Störung
6A02.4 Keine Störung Fehlen einer funktionalen Sprache
6A02.5 Mit Störung Fehlen einer funktionalen Sprache

Zusätzlich existieren im ICD-11-System zwei weitere, nicht näher beschriebene Kategorien:

  • 6A02.Y: für „andere“ spezifizierte Autismus-Spektrum-Störungen
  • 6A02.Z: für eine „unspezifische“ Autismus-Spektrum-Störung

Um die Diagnose zu rechtfertigen, müssen die Defizite so erheblich sein, dass sie sich negativ auf persönliche, familiäre, soziale, schulische, berufliche oder andere wichtige Funktionsbereiche auswirken. Diese Schwierigkeiten sind im Allgemeinen in allen Bereichen zu beobachten und sind allgegenwärtig, auch wenn die Schwere der Symptome je nach sozialem, schulischem oder sonstigem Kontext variieren kann.

Wichtige Unterschiede zum DSM-5:

  • Sensorische Symptome: Im Gegensatz zum DSM-5 umfasst die ICD-11 nicht explizit die Über- oder Hyposensibilität auf sensorische Reize in den Kernkriterien.
  • Unterteilung nach Schweregrad: Anstelle der deskriptiven Schweregrade (Stufen 1–3) erfolgt die Unterteilung in der ICD-11 basierend auf dem gleichzeitigen Vorliegen einer intellektuellen Entwicklungsstörung und einer funktionellen Sprachstörung Beispiele für diese Unterteilung sind Kategorien wie 6A02.0 (Keine Störung der intellektuellen Entwicklung und keine oder sehr geringe funktionelle Sprachstörung) bis 6A02.5 (Mit Störung der intellektuellen Entwicklung und Fehlen einer funktionalen Sprache)

Die Mitteilung und die Phase nach der Diagnosestellung einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) sind für alle Beteiligten von grosser Bedeutung, da sie nicht nur Klarheit schaffen, sondern auch die Grundlage für die weitere Unterstützung bilden.

Register…

Nach der Diagnose

Eine Autismus-Diagnose kann für gewisse Menschen entlastend sein, sie kann aber auch schwer zu bewältigen sein. Betroffene müssen mit etwas umgehen, über das sie nur wenig wissen. Zudem kommt die Frage auf, wo die Betroffenen sich angemessene Unterstützung einholen können. Für manche ist eine Autismus-Diagnose aber auch eine Erleichterung, da sie schon lange ihre autistischen Züge bemerkt haben. Obwohl Menschen mit Autismus auch als Erwachsene auf Unterstützung in ihrem Alltag angewiesen sind, können sie stolz auf ihre einzigartigen Stärken und Qualitäten sein. (Die andere Seite des Autismus)

Im Folgenden werden einige Schwierigkeiten von Menschen mit Autismus genauer beschrieben. Ausserdem finden Sie Unterstützungsmöglichkeiten in diesen Bereichen:

Mögliche Schwierigkeiten der Betroffenen
Autismus ist eine Beeinträchtigung, welche, anders als eine körperliche Behinderung, auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Für die Betroffenen ist es wichtig, dass ihr Umfeld über die Diagnose Autismus und die Besonderheiten der Betroffenen Bescheid weiss. Nur so bekommen die Betroffenen die nötige Unterstützung. Für die Sensibilisierung des Umfeldes und auch um das eigene Verständnis zu fördern, können Ich-Flyer sehr hilfreich sein.

Lesen Sie https://www.autismus.ch/informationsplattform/autismus.html  mehr über Autismus-Spektrum-Störungen

Unterstützung: Allgemeine Informationen und Ratschläge
Finden Sie Informationen dazu, wo Sie Unterstützung holen oder in Kontakt mit anderen von Autismus betroffenen Menschen treten können.

Unterstützungsmöglichkeiten und wichtigen Adressen und Anlaufstellen

Sobald eine Autismus-Diagnose gestellt wurde, sollte die kantonale IV-Stelle informiert werden. Unterstützungsleistungen müssen beantragt werden. Am besten frühzeitig Kontakt aufnehmen – die Bearbeitung kann längere Zeit dauern. Bitte Sie um eine Kopie des Diagnoseberichts und leiten Sie diesen an die regionale IV Stelle.

ACHTUNG: Nicht jede Praxis oder jedes Zentrum wird automatisch von der IV anerkannt. Wichtig: Fragen Sie vorab, ob die Diagnosestelle von der IV akzeptiert wird, wenn später Leistungen beantragt werden sollen (z.B. medizinische Massnahmen, berufliche Massnahmen, Frühintervention etc.).

Auch für schulische Unterstützungsmassnahmen braucht es gut dokumentierte und seriös durchgeführte Diagnosen. Informieren Sie sich, z.B. beim Schulpsychologischen Dienst in Ihrem Kanton, von welchen Stellen eine Autismus-Spektrum-Störung Diagnose anerkannt wird.

Um eine zuverlässige Diagnose stellen zu können, müssen sich die Fachpersonen Autismus-spezifisch weitergebildet haben und solche Untersuchungen regelmässig durchführen.

Um IV-Leistungen zu erhalten, muss die Diagnose von einem Arzt bestätigt sein.

Über das Autismus-Spektrum

Menschen mit Autismus sind auf die Unterstützung durch ihr Umfeld (Eltern, Lehrpersonen, Freunde, Arbeitgeber etc.) angewiesen. Hier finden Sie viele Informationen und Buchvorschläge, wie eine gezielte Unterstützung aussehen könnte.

  • Autismusverlag.ch: Gray, Carol: Der sechste Sinn II: Unterrichtsplan zum Thema Autismus

  • Geschwister-Broschüre: „Paul, der Bruder von Julia“

  • Schreiter, Daniela: Schattenspringer 1: „Wie ist es, anders zu sein“

  • Schreiter, Daniela: Schattenspringer 2: „Per Anhalter durch die Pubertät“

  • Schreiter, Daniela: Schattenspringer 3: „Spektralfarben“

  • Müller, Dominic: „Ich bin so wie ich bin“

  • Wagner, Lorenz: „Der Junge, der zu viel fühlte“