Verhalten neu verstehen
Verhalten und Interessen im Autismus-Spektrum sind Ausdruck einer anderen neurologischen Informationsverarbeitung. Viele dieser Verhaltensweisen sind keine bewusste Entscheidung und auch kein Ausdruck von Ungehorsam oder mangelnder Motivation. Wiederholende Verhaltensweisen, Routinen und Spezialinteressen erfüllen häufig wichtige Funktionen für die Selbstregulation, Orientierung und das Wohlbefinden. Ein verständnisvoller und individueller Umgang trägt dazu bei, Teilhabe zu ermöglichen und die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Sich wiederholende Verhaltensweisen (Stereotypien)
Viele Menschen im Autismus-Spektrum zeigen sich wiederholende Bewegungen, Handlungen oder sprachliche Muster. Dazu gehören beispielsweise:
- Händeflattern, Wippen oder Schaukeln
- Drehen oder wiederholtes Betrachten von Gegenständen
- Wiederholen von Wörtern oder Sätzen (Echolalie)
- Wiederkehrende Bewegungs- oder Spielabläufe
Diese Verhaltensweisen werden häufig als Stimming oder selbstregulierende Verhaltensweisen bezeichnet. Aktuelle Forschung zeigt, dass sie verschiedene Funktionen erfüllen können:
- sie helfen, sensorische Reize zu regulieren,
- Gefühle, wie Angst und Stress zu reduzieren,
- sie fördern Konzentration und Aufmerksamkeit,
- sie schaffen Vorhersehbarkeit und Sicherheit,
- sie unterstützen die Verarbeitung von Emotionen und Informationen.
Solange diese Verhaltensweisen weder die betroffene Person noch andere gefährden oder den Alltag erheblich beeinträchtigen, besteht kein Grund, sie grundsätzlich zu stoppen. Stattdessen sollte zunächst verstanden werden, welche Funktion das Verhalten erfüllt. Häufig trägt das Verhalten zum Wohlbefinden der Person bei.
Bedürfnis nach Routinen und Vorhersehbarkeit
Viele autistische Menschen bevorzugen klare Strukturen, wiederkehrende Abläufe und vertraute Routinen. Veränderungen können Unsicherheit auslösen, insbesondere wenn sie unerwartet erfolgen.
Dies kann sich beispielsweise darin zeigen, dass:
- Abläufe möglichst gleichbleiben sollen,
- Gegenstände einen festen Platz haben,
- Übergänge zwischen Aktivitäten schwerfallen,
- Rituale Sicherheit vermitteln,
- spontane Planänderungen starken Stress auslösen.
Routinen helfen vielen Menschen im Autismus-Spektrum,
- ihre Umwelt vorhersehbar zu machen,
- Unsicherheit zu reduzieren,
- geistige Ressourcen zu sparen und
- den Alltag besser zu bewältigen.
Für viele Menschen im Autismus-Spektrum sind Routinen keine Gewohnheit aus Bequemlichkeit, sondern eine wichtige Strategie, um den Alltag zu bewältigen. Werden Veränderungen notwendig, erleichtern frühzeitige Ankündigungen, visuelle Unterstützung und ausreichend Zeit zur Vorbereitung häufig den Übergang.
Ein weiteres häufiges Merkmal sind intensive Interessen. Dabei beschäftigt sich eine Person über ausdauernd mit einem oder mehreren Themen. Die gewählten Interessensbereiche sind individuell und können verschiedenste Themenbereiche umfassen.
Entscheidend ist nicht das Thema selbst, sondern die Intensität, Tiefe und Bedeutung, die das Interesse für die Person hat. Spezialinteressen sollten als Ressource betrachtet werden. Sie können:
- Motivation und Lebensfreude fördern,
- beim Lernen unterstützen,
- umfangreiches Fachwissen ermöglichen,
- zur Entwicklung beruflicher Kompetenzen beitragen,
- das Selbstwertgefühl stärken und zur Selbstregulation beitragen.
Wenn starke Interessen andere wichtige Lebensbereiche dauerhaft verdrängen oder zu erheblichen Einschränkungen führen, macht es Sinn einen anderen Umgang damit anzuregen. Ziel sollte jedoch nicht sein, Spezialinteressen zu beseitigen, sondern sie möglichst konstruktiv in Alltag, Schule oder Beruf einzubeziehen.
Verhaltensweisen im Alltag
Das Verhalten von Menschen im Autismus-Spektrum ist je nach Kontext nicht immer identisch. Es zeigt sich, dass sich Verhaltensweisen vom jeweiligen Umfeld, den anwesenden Personen und der inneren Verfassung, der Person abhängig sind. Diese Verhaltensunterschiede sind keine Willkür, sondern das Resultat komplexer Anpassungs- und Bewältigungsmechanismen.
