Wahrnehmung
Menschen aus dem Autismus-Spektrum nehmen ihre Umwelt häufig anders wahr und verarbeiten Sinneseindrücke und Informationen teilweise anders als nicht-autistische Menschen. Diese Besonderheiten können beeinflussen, worauf Aufmerksamkeit gerichtet wird, wie Reize gefiltert und miteinander verbunden werden und wie Situationen verstanden und bewältigt werden. Das individuelle Erleben wirkt sich auf Verhalten, Wohlbefinden und die Teilhabe am Alltag aus.
- Unsere Sinnesorgane ermöglichen es, die Aussenwelt zu erleben. Dazu gehören Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und das Empfinden innerer Zustände.
- Viele Menschen im Autismus-Spektrum erleben eine veränderte Verarbeitung von Sinnesreizen.
- Reize können überdurchschnittlich stark oder auch sehr schwach wahrgenommen werden. Die Wahrnehmung einer Person ist dabei nicht generell über- oder unterempfindlich; das Empfinden kann von Reiz zu Reiz und von Situation zu Situation variieren.
- Können Reize nicht gefiltert werden, kann es durch zu viele oder besonders belastende Reize zu einer Reizüberflutung kommen. Dies kann Stress, Rückzug, einen Overload, Meltdown oder Shutdown begünstigen.
- Für die Unterstützung ist es wichtig, individuelle Unterschiede ernst zu nehmen und gemeinsam herauszufinden, welche Reize entlasten oder belasten.
Ein Mensch ist nicht per se Über- oder Unterempfindlich gegenüber Reizen. Innerhalb eines Sinnesbereich kann das Wahrnehmungserleben sehr unterschiedlich sein und variiert von Person zu Person. Es zeigt sich, dass die Integration mehrerer Sinnesinformationen in manchen Situationen bei Autist:Innen erschwert sein kann. Ebenfalls fällt es einigen schwerer als anderen die eigene Wahrnehmung zu interpretieren und passende Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Beispielsweise fühlt sich eine Person unwohl, kann das Gefühl jedoch nicht dem Bedürfnis nach Essen zuordnen. Man spricht hier auch immer wieder über Alexthymie.
- Reizarme Räume schaffen, zum Beispiel mit gedämpftem Licht und ruhigen Zonen.
- Individuell passende Hilfsmittel einsetzen, beispielsweise Sonnenbrille, Kopfhörer oder andere sensorische Hilfen.
- Vorab über mögliche Reize informieren, etwa bei Ausflügen, Terminen, Reisen oder Aufenthalten an stark frequentierten Orten.
- Routinen und klare Abläufe können Sicherheit geben.
- Ein individuelles Sensorikprofil kann helfen festzuhalten: Was tut gut? Was stresst? Was hilft bei Überforderung?
- Positive Reize können gezielt eingesetzt werden, beispielsweise Bewegung, Musik oder andere als angenehm erlebte Sinneseindrücke.
- Rückzugsmöglichkeiten und ausreichende Pausen einplanen.
- Eindeutige Aussagen und klare Absprachen treffen; Ironie und Zweideutigkeiten können zusätzliche Anforderungen schaffen.
- Bei Anzeichen von Überforderung frühzeitig reagieren und Möglichkeiten zur Entlastung anbieten.
Ein Overload kann entstehen, wenn zu viele Reize gleichzeitig verarbeitet werden müssen und unwichtige Reize nicht mehr ausreichend ausgeblendet werden können. Ein Meltdown oder Shutdown kann eine mögliche Folge einer solchen Überlastung sein. Entscheidend ist, Überforderung nicht als absichtliches Verhalten zu verstehen, sondern als Ausdruck einer akuten Belastungssituation.
- Prävention ist besonders wichtig: belastende Situationen möglichst früh erkennen und vorbereiten.
- Rückzugsmöglichkeiten und vereinbarte Zeichen für Überforderung schaffen.
- Belastende Reize so weit wie möglich reduzieren.
- Ausreichend Pausen und Rückzugsmöglichkeiten einplanen.
- Während einer akuten Überforderung möglichst wenig zusätzliche Anforderungen stellen und Interaktionen reduzieren.
- Nach der Situation gemeinsam überlegen, welche Auslöser und welche Strategien künftig hilfreich sein können.
Soziale Wahrnehmung beschreibt die Fähigkeit, soziale Signale wie Gesichtsausdruck, Gestik oder Tonfall zu erkennen und einzuordnen. Solche Signale helfen dabei, Gefühle, Absichten und Reaktionen anderer Menschen einzuschätzen. Viele Menschen im Autismus-Spektrum nehmen soziale Informationen anders wahr oder verarbeiten sie anders.
- Die Aufmerksamkeit kann häufiger auf objektive oder konkrete Merkmale gerichtet sein.
- Während eines Gesprächs kann die Konzentration stärker auf eigenen Interessen oder einzelnen Informationsinhalten liegen.
- Unausgesprochene soziale Regeln und Erwartungen können schwieriger zu erkennen sein.
- Eine andere Ausrichtung der Aufmerksamkeit bedeutet nicht automatisch mangelndes Interesse an anderen Menschen.
- Hilfreich kann sein, soziale Situationen, Regeln und Erwartungen explizit zu erklären und wichtige Aspekte einer Situation vorher zu besprechen.
- Der Austausch über unterschiedliche Perspektiven kann Missverständnisse auf beiden Seiten reduzieren.
| Autistische Wahrnehmung | Nicht-autistische Wahrnehmung |
| Missverständnisse entstehen oft auf beiden Seiten | |
Informationsverarbeitung
Autismus betrifft nicht nur Verhalten oder Kommunikation – auch die Art, wie Informationen verarbeitet werden, kann sich unterscheiden. Viele Forschende sprechen deshalb von einem anderen kognitiven Stil oder einer anderen Informationsverarbeitung.
- Studien zeigen teilweise Unterschiede in der Organisation und Vernetzung des Gehirns bei Menschen im Autismus-Spektrum.
- Diese Unterschiede können beeinflussen, wie Informationen verarbeitet, verbunden und vorhergesagt werden.
- Die Ausprägungen sind individuell und treten nicht bei allen autistischen Menschen gleich auf.
- Teilweise besonders starke Verbindungen zwischen nah beieinanderliegenden Gehirnregionen werden mit präziser Detailverarbeitung und starker Fokussierung auf einzelne Informationen in Verbindung gebracht.
- Weniger ausgeprägte Verbindungen zwischen weiter entfernten Regionen könnten dazu führen, dass Informationen aus verschiedenen Quellen langsamer in einen Denkprozess integriert werden.
- Eine andere Gewichtung von Informationen kann dazu führen, dass Informationen bewusster zusammengeführt werden und weniger automatische Annahmen entstehen.
Exekutive Funktionen unterstützen uns dabei, Handlungen zu planen, zu organisieren und anzupassen. Sie können als inneres Kontrollsystem verstanden werden, das Gedanken und Verhalten steuert.
- Planung und Organisation von Aufgaben
- Prioritäten setzen
- Aufmerksamkeit steuern
- Handlungen beginnen und beenden
- Zwischen Tätigkeiten wechseln
- Flexibel auf Veränderungen reagieren
- Zeit einschätzen
- Menschen im Autismus-Spektrum berichten häufig von Schwierigkeiten beim Aufgabenbeginn, bei der vollständigen Planung und Organisation sowie beim Wechsel zwischen Tätigkeiten.
- Strukturierte Herangehensweisen können entlasten.
- Bei Aufgaben mit persönlichem Interessensfokus können gleichzeitig hohe Genauigkeit und Ausdauer beobachtet werden.
Der Begriff «zentrale Kohärenz» beschreibt die Art und Weise, wie einzelne Informationen zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden.
- Viele autistische Menschen nehmen Details besonders stark wahr
- Die Entstehung eines Gesamtbildes kann dabei weniger stark priorisiert werden
- Der Kontext einer Situation kann dadurch schwieriger zu erfassen sein
- Es kann hilfreich sein, Zusammenhänge, Erwartungen und den Kontext im Umfeld klarer zu kommunizieren
Theory of Mind beschreibt die Fähigkeit eigene Gedanken, Gefühle, Absichten und Perspektiven beschreiben zu können sowie sich vorstellen zu können, dass andere Personen von der eigenen Perspektive abweichen können.
- Bei autistischen Menschen kann es insbesondere in komplexen oder wenig eindeutigen sozialen Situationen herausfordernder sein, solche inneren Zustände intuitiv aus nonverbalen und situativen Hinweisen abzuleiten
- Dies kann zu Missverständnissen in der Interaktion führen, ohne dass damit ein fehlendes Interesse an anderen Menschen oder an sozialem Austausch verbunden ist.
- Dabei fällt es Ihnen auch teilweise schwer vorherzusehen, wie sich eine andere Person im nächsten Schritt verhalten könnte, was Unsicherheiten hervorrufen kann
Wahrnehmung und Informationsverarbeitung sind individuell. Es gibt deshalb keine einzelne Strategie, die für alle Menschen im Autismus-Spektrum passt. Entscheidend ist, gemeinsam herauszufinden, welche Umgebungsbedingungen, Informationen und Unterstützungen einer Person helfen.
- Reize und Anforderungen individuell betrachten statt pauschal von einer Über- oder Unterempfindlichkeit auszugehen
- Informationen möglichst klar, konkret und vorhersehbar vermitteln, visuelle Darstellung oder klare Strukturen aufbauen, wenn diese hilfreich sind
- Veränderungen und Übergänge frühzeitig ankündigen
- Rückzug und Pausen ermöglichen, bevor Überforderung entsteht
- Die Perspektive der betroffenen Person einbeziehen und nachfragen, was sie als hilfreich oder belastend erlebt
- Unterschiedliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen nicht vorschnell als mangelndes Interesse, fehlende Motivation oder absichtliches Verhalten interpretieren
